Förderdiagnostik

 

Allgemeine Entwicklungen in der Sonderpädagogik, von der Feststellung einer Sonderschulbedürftigkeit hin zu einem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot und der Inklusion, verändern die Ansprüche an die Qualität sonderpädagogischer Arbeit.
Als sonderpädagogische Kernkompetenz verändern sich damit auch die Ansprüche an die sonderpädagogische Diagnostik. Zwar bleibt eine feststellende Statusdiagnostik (vorläufig) zur Legitimation und Akquise von Ressourcen unabdingbar, doch kann sie für die Gestaltung individueller Bildungsangebote an unterschiedlichen Lernorten keinerlei unmittelbare Handlungsleitung anbieten.

 

Die Ausgestaltung individueller Bildungsangebote setzt eine ganzheitliche Sicht und Kenntnis des Menschen, der Förderung erfahren soll, voraus. Die ICF bietet dafür einen geeigneten Orientierungsrahmen, ILEB das sonderpädagogische Konzept.
In diesem Rahmen zielt sonderpädagogische Förderdiagnostik auf eine psychologisch-pädagogisch-didaktische Erhebung von individuellen Stärken, Beeinträchtigungen und förderlichen oder  entwicklungshemmenden Kontextfaktoren. Dabei ist die Frage nach relevanten Lernfeldern und der strukturellen Gestaltung von Lerngelegenheiten unter Berücksichtigung der verschiedenen Dimensionen der ICF leitend.
Förderdiagnostik versucht Stärken zu fördern, Lernmöglichkeiten aufzuzeigen und passende Lernsituationen zu schaffen.

 

 

 

Statusdiagnostik

Förderdiagnostik

Form

Diagnoseorientierte Zustandsbeschreibung

Erhebt und zeigt individuelle Entwicklungsmöglichkeiten auf

Nutzen

Institutionelle Bedeutung zur Legitimation und Akquise von Ressourcen

Konkrete Gestaltung individueller Bildungsangebote an verschiedenen Lernorten unter Einbeziehung des Lebensumfeldes

Objektivität

Verwendung normierter Testverfahren für möglichst objektive Diagnosen

Vorwiegend qualitative Beschreibung mit dem Ziel Entwicklungspotentiale aufzuzeigen.

Objektivität entsteht durch prozessintegrierte Evaluation

 

Förderdiagnostik

 

Grundlegende Prinzipien einer Förderdiagnostik sind Individualisieren statt Typologisieren, Inventarisieren statt Testen und nach einem gemeinsamen theoretischen Modell für Entwicklung, Beobachtung und Diagnose, sowie Förderung und Erziehung vorgehen (Eggert, 2007).

 

Individualisierung bedeutet in diesem Fall eine Abkehr von festschreibenden Zustands-Diagnosen, da sie für sich genommen für die Förderung wenig aufschlussreich sind (Beispielsweise sagt ein “Down-Syndrom“ oder „Autismus“ nichts über die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen aus). Eine Individualisierte Beschreibung bildet das Kind möglichst ganzheitlich und im Rahmen seiner Bezüge ab. Dabei geht sie zunächst nicht von den Defiziten, sondern von den bereits entwickelten Kompetenzen aus und zeigt die „Zone der nächsten Entwicklung“ auf.

 

Förderdiagnostik kann sich nicht vordergründig auf normierte Gesamtergebnisse von Testverfahren, insbesondere Intelligenztest-Verfahren stützen. Vielmehr geht sie bedingungsanalytisch (Trost) vor. Sie fragt nach den Kompetenzen, die für eine bestimmte Leistung Voraussetzung sind und erhebt diese in einem individuell an der diagnostischen Fragestellung ausgerichteten diagnostischen Prozess. Eine diagnostische/psychologische  Analyse kann eine Möglichkeit darstellen, solche Kompetenzen zu identifizieren. Im Rahmen schulischer Förderung kann oft auch auf Stufen-Erwerbs-Modelle zurückgegriffen werden.
Dabei können neben gezielten Beobachtungssituationen auch herkömmliche Testverfahren die Beschaffung aufschlussreicher Informationen ermöglichen. Entscheidend bleibt dabei, dass nicht der Vergleich zu der Normstichprobe die Aussage darstellt, sondern dass durch qualitative Auswertung des Handlungsprozesses Rückschlüsse auf bereits entwickelte Kompetenzen geben können.

 

Die Einbeziehung in ein gemeinsames Modell von Diagnostik und Förderung leistet das ILEB-Konzept. Hier werden aus diagnostischen Erkenntnissen unmittelbar Konsequenzen für die Förderung gezogen, deren Erfolg dann wiederum durch diagnostische Erhebungen überprüft wird. Ziel ist eine möglichst genaue Passung zwischen den Entwicklungsbedürfnissen und den Fördermaßnahmen sowie die Auswahl bedeutsamer Entwicklungsziele vor dem Hintergrund der allgemeinen Zielstellung gesellschaftlicher Teilhabe.

 

 

Förderdiagnostik in Stichworten

 

·        Diagnostische Fragestellung

 

·        Individueller diagnostischer Prozess; orientiert an der Fragestellung

 

·        Theoriegeleitete Diagnostik; Orientierung an Entwicklungsmodellen

 

·        Qualitative Diagnostik; normierte Werte sagen nichts über       Entwicklungspotentiale aus

 

·        Von den Stärken ausgehen; entwickelte Kompetenzen erfassen und beschreiben

 

·        Ausrichtung auf Entwicklungsmöglichkeiten; festschreibende Diagnosen vermeiden

 

 

 

Förderdiagnostik und Inklusion

 

Einige Vertreter der Inklusion fordern den völligen Verzicht auf jegliche Diagnostik, sie sei normorientiert und stigmatisierend (Hinz).
Andere Vertreter, die weniger idealistisch, mehr pragmatisch orientiert sind, können diese Forderung nicht nachvollziehen. Sie sehen darin die Gefahr „wohlwollender Vernachlässigung“ (Weiß).
Um individuelle Bildungsangebote realisieren und damit dem allgemeinen Anspruch auf Teilhabe an allgemeiner Bildung für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen zu gewährleisten ist Förderdiagnostik eine notwendige Voraussetzung.
Aber auch hier ist zu beachten, dass eine solche Diagnostik Entwicklungspotentiale fokussieren und nicht festschreibende oder verallgemeinernde Diagnosen aufstellen darf, will sie ihre Berechtigung nicht verlieren.